Luisa-Marie Mandelbaum

Mutter schafft 

M ruft das Kind und ich schreie um Hilfe. Fühle mich kurz nicht zuständig und steche den Spaten in den nächsten Satz, Agentur für Arbeit, was soll ich nur tun und das Kind kommt herein ohne zu klopfen, ich schwöre mir, morgen hole ich die Tür aus dem Keller, dass alle wieder klopfen können, wenn ich hier sitze und schreibe, was denn noch und tippe die Ergüsse einer Alleinerziehenden, aber eigentlich heißt es, ich habe keine Zeit, das hier muss zu Ende gehen und ich klappe zu, was ich habe, meinen Laptop und meinen Körper über das Kind, den Kopf vornüber, nenne es eine Umarmung. 

Heute ist ein guter Tag und die Sonne scheint und das Kind lacht in der Tagesstätte für Kinder und die Schlange im Supermarkt war nicht lang, ich gehe mit drei Mandarinen nach Hause, schäle auf dem Weg bis zur Haustür weg was geht und schiebe mir das ganze Fruchtfleisch gleichzeitig in den Mund. Jetzt los, denke ich und dann nichts mehr, sitze vor dem Schreibtisch, still und rieche, dass ich nicht geduscht bin, egal, ich tippe das Leerzeichen, nochmal und dann brauche ich ein neues Duschgel, gleich eine Palette und Paypal bestellt im Internet, während ich schon unter der Dusche stehe. Jetzt nochmal, dann sitze ich wieder vor dem Laptop, Akku auf 12 Prozent. Oh nein und der Text ist immer noch ohne Worte und ich koche Tee, suche etwas Vielsprachigkeit in meiner wortlosen Lethargie und finde Judith Hermann neben dem Bett, lese, sauge alles aus ihren Seiten heraus, starre den gelben Regenmantel an, denn WAS macht jetzt die Kreativität, ist die Zeit doch bereit für Kreativität, aber täglich nur bis 16 Uhr, da fühlt sich die Tagesstätte nicht mehr zuständig und ich muss auch 30 Minuten eher. Los, denke ich und mir fehlen weiterhin die Worte, aber Judith sagt, heute, heute hätten wir uns alles gesagt und ich schreibe Jon und Alles in mein inneres Notizbuch, unterstreiche in Regenbogenfarben, dann unterbreche ich, nicht mehr mein Zuständigkeitsbereich, vom Bett starre ich auf den Laptop, das Ladekabel hängt schlaff an der Seite. Nicht ist angesteckt. Ich kann nicht.

Mehr, mehr davon. Wenn es einmal läuft, dann mehr davon und der Computer hat wieder 12 Prozent, aber diesmal berechtigt und es wird eine gute Stunde. Das rechte Auge brennt, ich tropfe sechsmal hinein, träne alles wieder heraus und in die Ritzen der Tastatur, scheiße, feucht, weitermachen.

A sagt das Kind, wie Apfel und dass das jeder weiß. Wow, denke ich und schneide den Apfel aus dem Kerngehäuse. Hier und dann greife ich mir an das Knie, es fehlt, denke ich, fehlt an Oberschenkelmuskulatur sagt die Physiotherapeutin, ja, lache ich, wann soll das denn passieren. Ihr Körper, sagt die Therapeutin und dass dem mehr zu helfen sei, als ich es tue.

Es handelt sich um einen Textauszug. Jegliche Verwendung und Verbreitung ist ohne Zustimmung der Autorin nicht gestattet.

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Über die Autorin

Luisa-Marie Mandelbaum

Luisa-Marie studierte Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig sowie Szenisches Schreiben an der UdK Berlin. Sie schreibt Romane, Prosa, Theatertexte und Drehbücher.