In mir wohnt jetzt ein kleiner Mensch.
Am Freitag wache ich auf und übergebe mich noch vor dem Frühstück.
Als ich in der Universität vor Schmerzen meine Brüste auf der Tischplatte ablegen muss, gehe
ich nach dem Seminar zur Drogerie. Zuhause bleibt es ein Streifen und ich widerspreche mir
immer wieder, wenn ich denke, ich muss ihm doch davon erzählen.
In den nächsten Tagen sehen wir uns kaum.
Wenn ich ihn anrufe, steht er schon neben sich und weiß nicht mehr, wovon er redet.
Wir sitzen am Fenster, er raucht und ich atme ihn ein, sehe ihn an, sage im Kopf: schau mal.
Da bewegt sich was.
Ich hätte gerne etwas zum drüber reden und erfinde immer neue Dinge. Manchmal sagt er aha
und mhm, dann küsst er mich und ich dränge alles andere sehr weit weg, sehe es zwischen den
zusammengekniffenen Augen über seine Schulter hinwegziehen, über den Punkt, wo der Beton,
in dem die Nachbarn leben, im Himmel endet.
Roya kommt am Sonntag spät nach Hause. Sie legt den Schlüssel in der Küche neben den halb
geleerten Joghurtbecher vom Morgen und zieht sich schon im Flur aus. Die Hüllen, die Roya
am Flurboden liegen lässt, schälen den knochigen Körper frei.
Am Bauch trägt sie zuletzt
Einen
Weißen
Schlauch
Aus
Fell.
Mit
Dem
Nierenleibchen
und festen Mullbinden hat sich die Großmutter früher die Brust abgeschnürt, damit die anderen
in der Umkleide noch nicht sehen konnten, was aus ihr herauswächst. Von Woche zu Woche
waren es immer mehr verbundene Mädchen.
Jetzt hält das Leibchen Haut und Knochen von Roya zusammen, damit Roya nicht
auseinanderfällt. Ich schaue sie an, während meine Brüste weiter schmerzen und es im
Unterleib zieht. Roya verschwindet im Badezimmer, ihre Hände und Füße violett.
Es ist Mittwoch und ich sitze im Wartezimmer, neben mir ein runder Bauch und noch einer
daneben. Gemeinsam warten die Frauen und ich und dabei hören wir den Herzgeräuschen zu,
die aus Behandlungszimmer eins kommen.
Wir hören den Herzgeräuschen zu.
Ich sehe auf die runden Bäuche und bete gegen den Herzschlag, folge dann dem Personal in das
Zimmer mit den Bürostühlen und den Bechern mit beschriftetem Urin.
Hier sind es zwei Streifen, der Frau im grünen Kittel mit den drei Stiften an der Brusttasche tut
es leid. Beim Ultraschall ist nichts zu sehen. Das sei ungewöhnlich, aber komme vor, in zwei
Wochen sehe man weiter und Krebs in der Gebärmutter müsse auch noch ausgeschlossen
werden.
Zuhause ist es dunkel, Roya hat die Vorhänge nicht zurückgeschoben, bevor sie die Wohnung
verlassen hat. Ich suche im Kühlschrank nach Zuversicht, decke mich und einen Becher
Joghurt, aber einen von denen mit Zucker, den Roya nie essen würde, auf dem Bett zu.
Dann weine ich, mein Körper ist wie gefaltet, ich halte meine Knie in den Armen, in der rechten
Hand halte ich den Joghurtbecher, er wird langsam warm, ich umfasse fest das scharfkantige
Plastik.
Im Traum habe ich einen der Bäuche aus der Praxis, er ist
an
mir
dran
und ich trage ihn
vor
mir
her
und versuche immer wieder, etwas darauf abzustellen, aber es fällt alles herunter, auch die
Briefwaage, mit der Roya immer das Gewicht der kleinen Tomaten abmisst, die es unten beim
Supermarkt gibt.
Im Traum kaufe ich im Supermarkt ein. Oliven, Brot, Aufstriche, Äpfel, Bananen, Joghurt, alles
kommt in den Korb und dann sind es zwei Körbe und ich klettere mit ihnen aus dem großen
Fenster, das gleichzeitig eine Tür ist, man steigt immer ein wenig in den Laden ein, wenn man
dort einkauft.
Die Körbe werden schwer und der Weg nach Hause ist im Traum nicht mehr der gleiche, hier
ist er lang und nie zu Ende und dann,
die Knie geben nach, ich spüre es
und
die Arme geben nach
und
meine Kraft gibt nach
und
die Joghurtbecher fallen nach vorne und auf den Asphalt und ich sehe Roya, sie steht auf der
anderen Straßenseite, sie wartet, dass es grün ist, aber die Ampel kann nur ein oder zwei Striche
anzeigen und jetzt zeigt sie gar nichts, deshalb läuft Roya los und ruft nein und ich bin
verwundert, erschrecke mich sogar ein bisschen, aber dann rinnt mir schon der Joghurt über die
Beine, die Becher in den Körben sind offen, der Rest fällt auf die Straße, das Plastik zerspringt
und Roya
rennt
auf
mich
zu,
die Hände voller Mullbinden und das Leibchen um den Bauch, sonst trägt sie nichts, nur ihre
müden spitzen Knochen machen Lärm beim Laufen.
Roya versucht,
die Masse mit den Tüchern zu sammeln,
mich zu verarzten,
mir das kleine Leben,
den Bauch
wieder
anzuheften.
Als ich unter der Decke aufwache, ist es heiß. Der Becher Joghurt in meiner Hand fällt mir
wieder ein, ich reiße den Deckel zur Seite und lecke den Becher ohne Löffel leer. Nach ein paar
Atemzügen tut die Zuversicht ihre Wirkung.
Es handelt sich um einen Textauszug. Jegliche Verwendung und Verbreitung ist ohne Zustimmung der Autorin nicht gestattet.

