Vor fünf Jahren, schiebst du abends deinen Stuhl an meinen heran. Alle sehen auf die Karte, du machst ein Zeichen mit der Hand. Es ist warm und der Sommer kommt erst noch. Du beobachtest mich, wenn ich rede. Ich sehe dich nie direkt an und fühle doch diese Wärme.
Im Juli lehne ich mit ihm an der Brüstung der Veranda und lasse mir erklären, dass ich nicht die Richtige sei, dass dunkle Haare schöner sind und ältere Frauen reifer. Ich höre ihn reden. Eine Stimme ist auch eine Stimme. Und dann denke ich: ich werde dich schon überzeugen. Eine Stunde später willigt er ein. Wir versuchen es noch einmal miteinander, damit es für den Moment gut ist.
Mit einem weiteren Sommer geht auch ein weiteres Jahr mit zwei Wohnungen dahin, die ich jedes Mal „Zuhause“ nenne. In das dritte Zuhause legen er und ich eine Matratze, die dann Insel heißt und wir verbringen sehr viel Urlaub in dieser Zeit. Als die Welt draußen erstarrt, legt er ab und lässt mich dort. Manchmal rufe ich ihn an, um zu fragen, wie es sich jetzt lebt, mit mehr Distanz, erzähle ihm Märchen, in denen ich damit umgehen kann, dass ich mit einer Idee zusammenwohne. An einem dieser Tage, meldest du dich.
In meinem Fuß stecken nun drei kleine Schrauben. Er hat mich nicht ins Krankenhaus gebracht, weil es zu früh war. Er hat mich nicht abgeholt, weil es eine Prüfung gab, zu der er am Ende nicht hingegangen ist. Drei Tage lang wechsele ich meine Verbände und warte auf etwas, das nicht mehr kommt. Der Weg von der Küche bis zum Bad, vorbei an der Insel, ist weit.
An einem Dienstagmorgen, an dem nichts passieren sollte, rufst du mich an. Fragst nach mir; dem letzten Jahr. Schließlich verabreden wir uns für ein Treffen auf meiner Couch.
Ich höre weitere zwei Tage nichts von ihm.
Am Donnerstagabend lasse ich dich herein. Vom grünen Sofa hast du Sicht auf die Insel, an der sich Wellen eines neuen Alltags brechen, seitdem er das Festland verlassen hat. Du und ich trinken, reden und nach vier Stunden erzähle ich dir von ihm. Du schweigst lange, verabschiedest dich dann und bleibst noch drei Stunden – neben mir sitzen. Am Ende ergreife ich deine offene Hand, halte sie fest. Spät in der Nacht sehe ich dich unten auf der Straße immer kleiner werden.
Am nächsten Tag rufe ich ihn reumütig an. Ich erzähle ihm von dir und er lacht nur. Noch am gleichen Abend kommt er, zieht wieder zurück auf die Insel. Gefühlt aber an mir vorbei.
Wir verabreden uns noch ein paar Mal. Du erzählst mir von den Frauen, die du triffst. Zu unserem letzten Abschied sagst du, ich solle mich bei dir melden, wenn er und ich nicht mehr seien, was wir noch sind. Als ich aus deiner Tür getreten bin, schreibe ich dir etwas Langes, das ich nicht abschicke.
Er und ich zeichnen weitere eineinhalb Jahre das Bild, etwas zu sein. Um die Insel herum bleibt es still.
Ich gehe die restlichen Stationen zum Bahnhof und erkenne dich auf der anderen Straßenseite, mit einer Lampe in der Hand hinter mehreren Personen herlaufend. Ich mache ein Foto, schreibe einen Text und beeile mich. Du fragst mich, wieso ich dich nicht angesprochen hätte. Ich antworte mit einer Einladung zu meinem Geburtstag. Du sagst danke und kommst nicht. Du gratulierst mir am nächsten Tag. Hinter die zwei Wörter setzt du einen Punkt.
Viermal sehe ich dich noch, ohne, dass du mich siehst und ich lasse es, rufe nicht nach dir.
In diesem Juni liege ich 30 Tage lang auf dem Teppich eines sechsten Zuhauses und kann mich nicht mehr bewegen. Am ersten Juni sind er und ich durch den Park gelaufen, zum Schluss bin ich gerannt, wollte nichts mehr von einem Ende hören, auf das ich doch gehofft hatte. Mit dem Ohr am Boden höre ich die U-Bahn ein- und ausfahren.
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