Luisa-Marie Mandelbaum

LANUGO Wer Hunger hat, stirbt

Person 1: Die Betroffene (Tochter, 12 Jahre alt)

Person 2: Die Getroffene (Mutter)

Person 3: Eine Stimme (Alter Ego der Tochter, des Kindes)

Person 4: Die imaginäre Freundin 

Person 5: Der Narzisst (Vater)

Person 6: Das Geschwisterkind (Bruder, 5 Jahre alt)

Prolog

Eine Stimme:

Kennen Sie das? Diese Menschen. Sie wachsen in diesen Häusern auf, irgendwo, am Rande der Stadt oder darin. Sie verlassen das Haus jeden Tag, um immer wieder zurückzukommen, sie laufen vor und zurück, immer wieder in ihr Leben hinein, das, mit dem Fernseher im Wohnzimmer, der von dem ablenkt, was sonst draußen vor der Tür passiert. Draußen vor der Tür stehen Bäume und wachsen Blumen und wenn man den Weg hinunter fährt, mit einem der Autos, die man sich vorher vor der Tür ausgesucht hat, dann kommt man dahin, von dem der Vater jeden Morgen sagt: Jetzt gehe ich zur Arbeit und von dem die Mutter morgens sagt: Nachher, da bin ich bei der Arbeit und oft oder manchmal gibt es da ein Kind oder zwei oder mehr und das Kind lässt sich beim Kindergarten absetzen, vor der Schule abstellen, mit dem leisen Wissen, dass es irgendwann auch mal zur Arbeit gehen darf. Darum geht es, sagen die Menschen und sie laufen vor und zurück, ohne, darüber nach zu denken, sie haben es schon gelernt, aber die Kinder, sie haben es noch nicht gelernt und sie laufen mit vor und halten an und halten wieder an und sehen dann, sehen das, sehen was, was du nicht siehst.

Szene 1

Es ist ein Haus zu sehen mit quadratischem Aufbau und einem Dach darüber. Es befindet sich im Anschnitt, man kann in alle vier Zimmer des Hauses sehen. Vor dem Haus ist ein Garten, in dem Mutter und Tochter in der Erde sitzen. Sie graben ein Beet um. Die Stimme hält sich im Hintergrund auf.

Kind zu sich selbst, summend: Hände, Hände, ich habe Hände, sie graben in der Erde. Beine, Beine, ich sitze auf den Knien, mhmmm… da liegt ein Stein unter dem Knie, der muss weg. Das Kind stoppt, beginnt, seinen Körper zu betrachten und steht dabei auf: Wie sehe ich denn aus? 

Mutter tritt dazu, winkend: Also ich sehe dich, schau mal genau hin zu mir, schau mal hin zu mir, hier, hier bin ich.

Kind sieht nach oben und die Mutter an und zeigt mit dem Finger auf sie: Habe ich deine Nase? Geht forschend schauend um die Mutter herum. Habe ich diese Arme? Drückt die Arme und zieht das Shirt der Mutter hoch. Hier war ich schon mal. Da war ich auf jeden Fall schon mal drinnen. Das Kind holt einen roten Stift hervor und zeichnet einen Embryo auf den Bauch der Mutter, macht den Stift dann zu und hält ihn der Mutter hin und die Mutter schaut kurz, als wolle sie prüfen, ob etwas vergessen wurde, öffnet den Stift, schließt ihn wieder und zieht sich den Pullover über den Bauch, hält die Hand darauf.

Mutter: Ich habe dich in mir gehalten.

Kind plötzlich fast wütend: Warum hast du mich nicht losgelassen? Nimmt der Mutter den Stift weg und beginnt, ihr Linien auf den Körper zu zeichnen, wie schönheitschirurgische Markierungen.

Mutter: Du warst so klein, siehst du, ungefähr so, wie ein Tier, ein kleines, oder eine kleine Melone, die mit den schwarzen Kernen.

Kind: Ja, ich weiß, diese Kerne, ich spucke sie immer aus. 

Mutter sieht in die Ferne und schweift ab: Als du geboren wurdest, haben wir einen Baum gepflanzt, im Vorbeet an der Straße, einen Garten hatten wir nicht, wir hatten nichts und nur diese kleine Wohnung, aber wir hatten dich und irgendwann auch eine kleine Pflanze in der Erde vor dem Haus.

Kind schaut erst interessiert, dann gelangweilt, dann betrachtet es wieder seinen Körper: Woher habe ich diese Füße? 

Mutter sieht sich die Füße des Kindes an, schaut dann abrupt nach oben: Von Oma!

Kind nickt verstehend: Ja.

Eine Stimme schüttelt im Hintergrund den Kopf.

Mutter als würde sie dem Kind etwas Schwieriges erklären: Meine habe ich ja nicht mehr gesehen, meine Füße, als du in meinem Bauch warst, der Bauch stand so weit hervor, ich musste immer fragen, dass mir jemand die Schuhe zumacht.

Kind: Warum, war da nicht auch der Vater? 

Mutter: Natürlich, aber dein Vater ist auch damals schon spät von der Arbeit gekommen. Die Mutter kreist wieder mit der Hand auf ihrem Bauch und setzt sich zurück, um das Beet weiter umzugraben.

Kind setzt sich entfernt auch wieder ins Beet und gräbt um. Nach einer kurzen Pause: Wolltest du das?

Mutter: Was, mein Engel?

Kind leicht aggressiv: Eine Mutter sein, eine, wie jede andere.

Mutter: Ich habe es mir schon gewünscht.

Kind weiter mit aggressivem Unterton: Und was bist du jetzt noch?

Mutter: Ich bin es. Ich bin deine, eine, deine, Mutter, siehst du mich, hier, hier hinten bin ich, hier. Winkt wieder.

Eine Stimme zum KindMach was, sie hält das nicht mehr lange durch.

Kind geht zur Mutter rüber und legt ihr die fuchtelnden Hände geordnet auf die Beine: Ich sehe dich, komm, nimm die Hände runter. Was gibt es denn heute, was gibt es heute zu Essen in deinem Haus mit Garten?

Mutter: Hier, ich habe es aufgeschrieben, es gibt: was du dir wünschst.

Kind: Nein.

Mutter: Doch.

Kind: Das glaube ich ja nicht.

Mutter: Wenn ich es dir sage. 

Kind aufgeregt: Aber ich darf es mir wünschen.

Mutter: Wenn ich es dir sage.

Kind läuft im Kreis um die Mutter herum: Ist gut. Ich vertraue dir, ich vertraue es dir jetzt an, wirklich, ich komme zu dir, genau so, warte, ich sage es dir hier hinein.

Kind beugt sich zur Mutter und formt ein Sprachrohr aus den Händen, legt es an der Brust der Mutter auf der Höhe des Herzens an.

Mutter: Ach, mein Kind. Das kann ich dir nicht erfüllen, das weißt du doch.

Kind aufbrausend: Siehst du, ich habe es doch gewusst.

Eine Stimme zu sich selbst: Hätte ich es doch besser gewusst.

Kind zeigt auf das Haus: Aber es ist mein Wunsch. 

Mutter: Er kann nicht anders.

Kind bekommt einen kalten Blick: Ich glaube, ich bin müde, ich glaube, ich gehe ins Bett, ich glaube, heute esse ich nichts. 1 geht ab, 3 hinterher.

Szene 2

Eine Stimme präsentiert:

Wir haben hier einen Vater/

einen Über-Vater, einen, der über allem steht/

der über den anderen steht/

sich über die anderen erhebt/

und von oben schaut/

wie alle hochblicken, zu ihm/

oder an ihm vorbei/

und dann holt ihn die Wut, sie packt ihn/

wirft ihn mit allem voraus und er geht dem voraus/

baut daraus ein Haus, in das sie alle einziehen/

die Mutter, das Kind, das Kind und auch die Eltern der Mutter und des Vaters/

sehen nach oben/

wie der Vater dort steht und lacht und sagt/

jetzt seid ihr alle still/

und niemand sagt mehr was, alles bleibt so – /

bis sie hören, dass ganz leise von hinten/

ein Baby schreit/

und der Vater beobachtet, die Mutter wird nervös/

die Mutter der Mutter wird nervös/

 aber der Vater hat seine Hand gehoben/

die Augenbrauen und die Ohren angehoben/

und sagt nein – /

und dann/

sie hören/

nichts/

hören/

wie/

das Baby/

schweigt.

Es handelt sich um einen Textauszug. Jegliche Verwendung und Verbreitung ist ohne Zustimmung der Autorin nicht gestattet.

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Luisa-Marie Mandelbaum

Über die Autorin

Luisa-Marie Mandelbaum

Luisa-Marie studierte Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig sowie Szenisches Schreiben an der UdK Berlin. Sie schreibt Romane, Prosa, Theatertexte und Drehbücher.